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Was kann man tun für 250.000 von Armut bedrohte Kinder und Jugendliche in Österreich?


Hier finden Sie eine Zusammenfassung der Berichterstattung auf Ö1 zum Thema und im Anschluss einen Verweis auf neue Studien:

1) Risikofaktoren für Kinderarmut
Ö1 Morgenjournal am 09.04.2009 - Barbara Gansfuß
http://oe1.orf.at/inforadio/104716.html

250.000 Kinder und Jugendliche in Österreich leben in Armut oder sind akut davon bedroht. Diese Zahl ist nicht neu, sie stammt aus dem Jahr 2006 und wurde von der Statistik Austria errechnet. Das Institut für Soziologie der Universität Wien hat erstmals einen detaillierten Bericht zur sozialen Lage von Kindern erstellt. Ein Ergebnis: Kinder mit Migrationshintergrund sind besonders armutsgefährdet. Aber auch, wenn nur ein Elternteil berufstätig ist, ist das Armutsrisiko für Kinder hoch.

Berufstätigkeit beider Eltern schützt
Mehr als zwei Kinder im Haushalt, Migrationshintergrund und Leben in der Stadt - das sind die Risikofaktoren, schreiben die Autorinnen des Berichts. Nur wenn beide Elternteile berufstätig sind, ist ein Kind vor Armut gut geschützt. Alleinerziehende rutschen schneller ab.

Risikofaktor Arbeitslosigkeit
Und Kinder von arbeitslosen Eltern können überhaupt nur sehr eingeschränkt am sozialen Leben teilnehmen, sagt eine der beiden Herausgeberinnen des Berichts, Irina Vana: "Jeweils ein Drittel der Kindern bekommen bei Bedarf keine neuen Kleider oder können aus finanziellen Gründen nicht jeden zweiten Tag Fleisch oder Fisch essen. Oder ein Viertel verfügen im Haushalt über keinen Computer, was gerade in Hinblick auf Bildungschancen recht hoch gewertet wird. Und ein Drittel haben keinen Zugang zum Internet."

Armutsgefahr unter 1.100 Euro
Ein Einpersonenhaushalt ist dann armutsgefährdet, wenn das Einkommen bei 900 Euro pro Monat liegt. Lebt ein Kind mit im Haushalt, liegt dieser Wert bei 1.100 Euro - Familienbeihilfe und 13. und 14. Gehalt schon eingerechnet.

Zu kleine Wohnungen
Ein weiterer großer Risikofaktor: Migrationshintergrund. Die Hälfte aller Kinder aus Zuwandererfamilien lebt in zu kleinen Wohnungen, sagt Herausgeberin Ursula Till-Tentschert: "Wenn die Kinder in die Schule kommen, haben sie nicht ausreichend Platz und Ruhe, um Hausaufgaben zu machen. Wenn die Wohnungen nicht entsprechend ausgestattet sind, wie es dem Standard in Österreich entspricht und sehr klein sind, dass man dann auch niemanden einladen kann und auch keine Freunde nach Hause bringen kann, keine Geburtstagspartys für die Kinder, denn wo soll man das machen, wenn vier Personen in zwei Zimmern leben. Und das wirkt sich dann auch besonders auf die Kinder aus."

Wie die Eltern so die Kinder
Der Bericht kommt auch zu dem Schluss, dass sich die Situation von Kindern mit Migrationshintergrund auch dann kaum verbessert, wenn sie schon einige Jahre in Österreich leben und die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. Außerdem werden die Bildungsabschlüsse der Eltern "vererbt", sagt Irina Vana. Von den Eltern mit türkischen Wurzeln haben beispielsweise 57 Prozent höchstens eine Pflichtschule absolviert, bei Eltern mit österreichischen Wurzeln sind es neun Prozent.

Forderungen
Die Wissenschaftlerinnen fordern eine Reform des Schulsystems, die bedarfsorientierte Mindestsicherung jetzt und eine eigene Grundsicherung für Kinder. Und sie fordern, dass derartige Berichte von zuständigen Ministerien erstellt werden.

Soziologe: Geld allein ist zu wenig
Im Kampf gegen die Kinderarmut reichen Geldleistungen alleine nicht, sagt der Soziologe Martin Schenk von der Armutskonferenz. Dazu gehörten auch Kinderbetreuung, ein integratives Schulsystem und eine Gesellschaft, in der gerade arme Kinder Respekt und Anerkennung bekommen können.


2) Soziologe: Geld allein ist zu wenig
Ö1 Morgenjournal am 09.04.2009 - Fabio Polly
http://oe1.orf.at/inforadio/104720.html

Der Soziologe Martin Schenk von der Armutskonferenz begrüßt, dass sich nun eine Studie intensiv mit der Armut und ihren Folgen auseinandersetzt. Man habe es bisher verabsäumt, die vielen Dimensionen der Armut zu untersuchen: Wohnen, Bildung, Arbeitsmarkt und Gesundheit. Erst wenn man alle Faktoren gleichzeitig angeht, bekomme man Effekte bei der Armutsbekämpfung.

Widerstandskraft gegen Armutsfolgen
Die Gemeinschaft, die Schulen, müssten so umgestaltet werden, dass gerade arme Kinder Dinge erleben, die sie stärken, fordert der Armutsexperte. Die Psychologie kenne Faktoren, die bei Kindern wirken, um schwierigste Situation zu überstehen, so Schrenk. Dazu gehörten Freundschaften und soziale Netze, damit man nicht einsam ist, soziale Anerkennung und Respekt bekommt. Bei Kindern, die in Armut aufwachsen, sei oft gerade das Gegenteil der Fall, sie seien oft allein und ohnmächtig, würden beschämt.

Geld allein hilft nicht
Zur Bewältigung der Kinderarmut seien Geldleistungen wichtig, aber nicht alleine wirksam, so Schenk. Gemessen an Kinderbeihilfen und dergleichen müsste Österreich die geringste Kinderarmut haben, das sei aber in Dänemark und Finnland der Fall. Dort werde auch sehr stark in Dienstleistungen investiert wie Kinderbetreuung und in ein integrativ wirkendes Schulsystem.

Alle Faktoren müssen zusammenwirken
Bildung allein sei aber kein Konzept, denn allein wirke kein Faktor, so Schenk. Sprachförderung sei ein Schlüssel zur Integration, "aber es braucht auch die Schlösser, wo die Schlüssel hineinpassen": Zugang zum Arbeitsmarkt, ein gutes Bildungssystem, Aufenthaltssicherheit. Beispiel Frankreich: "Dort können die Jugendlichen super französisch, aber sie haben trotzdem die höchste Arbeitslosigkeit."


3) Regierung: Maßnahmen bereits in Kraft
Ö1 Abendjournal am 09.04.2009 - Markus Müller und Barbara Gansfuß
http://oe1.orf.at/inforadio/104734.html?filter=0

Das verpflichtende letzte Kindergartenjahr, die 13. Familienbeihilfe, die Steuerreform - all diese Maßnahmen, die im Regierungsprogramm vereinbart sind, kämen besonders armutsgefährdeten Kindern zugute, sagt Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ): Kinderabsetzbetrag, Einführung der Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten - all das verursache 500 Millionen Euro Kosten und gehe direkt zu den Familien und damit via Eltern zu den Kindern, so Hundstorfer. "Das ist eine Antwort, die es in dieser Qualität schon lange nicht mehr gegeben hat."

Mindestsicherung 2010
Besonders wichtig sei es, die Beschäftigung zu sichern, gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise. Hier setzt Hundstorfer auf besondere Programme des Arbeitsmarktservice. Zudem bemühe er sich, zumindest im Jahr 2010 die Mindestsicherung umzusetzen, sagt der Sozialminister. Das sei ein weiterer wesentlicher Schritt, um die Menschen vor Armut zu schützen.

Schmied sieht sich bestätigt
Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) sieht sich durch die Studie über Kinderarmut vollinhaltlich bestätigt: Das österreichische Schulsystem sei sozial selektiv und biete Kindern nur wenig Chancen sozial aufzusteigen. Die vor zwei Jahren eingeleitete Schulreform soll das ändern, etwa durch den Ausbau qualifierter Tagesbetreuung, Ausbau der Frühförderung, eine spätere Entscheidung über die Schulwahl und so weiter. Das gehe aber nur, wenn die Bildungsreform fortgesetzt und nicht durch Protest- oder Blockademaßnahmen der Lehrergewerkschaft verhindert wird, heißt es aus dem Büro der Unterrichtsministerin.

Marek: Maßnahmenbündel wichtig
Familienstaatssekretärin Marek (ÖVP) ist zur Zeit im Ausland und nicht erreichbar. Ihr Sprecher lässt aber ausrichten, dass die Staatssekretärin sich des Problems sehr bewusst sei und mehrere Maßnahmen plant, besonders zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie: etwa durch den Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen, hier gebe es bestehende Verträge mit den Ländern. Im kommenden Jahr soll außerdem das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld eingeführt werden. Österreich stehe im Europäischen Vergleich nicht schlecht da, heißt es aus dem Büro Marek, trotzdem sei ein Bündel von Maßnahmen wichtig um die Situation armutsgefährdeter Kinder zu verbessern.

Nationaler Aktionsplan bis Jahresende
Und das Innenministerium, das laut Regierungsübereinkommen für Integration zuständig ist, hat keine konkreten Pläne - Kinder mit Migrationshintergrund sind ja besonders von Armut betroffen. Bis Ende des Jahres soll ein Nationaler Aktionsplan für Integration entwickelt werden heißt es, darin sollen Strategien entwickelt werden wie die Herausforderung Integration in Zukunft bewältigt werden kann.

Reaktionen der Opposition
FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache fordert, man soll die östererichischen Familien stärker finanziell entlasten, BZÖ-Sozialsprecherin Ursula Haubner will ein Erhöhung des Kinderabsetzbetrags. Und die Grünen sehen dringenden Handlungsbedarf und fordern vor allem auch Verbesserungen bei der Kinderbetreung.

Weitere Reaktionen
Die Bundesjugendvertretung fordert eine Reform des Schulsystems: wichtig seien vor allem eine gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, Muttersprachenunterricht, Sprachförderung und die Einführung der Mindestsicherung. Um die Kinderarmut zu bekämpfen, müsse man zuerst etwas gegen die Armut der Eltern tun, sagt dazu Caritas-Direktor, Michael Landau.

Zu den Studien:
1) Handbuch Armut in Österreich.
Utl.: Herausforderungen in der Bekämpfung von Armut und den Folgen der Krise
Die Armutsbedrohung breiter Schichten, auch des Mittelstandes, ist eines der großen sozialen Probleme unserer Wohlstandsgesellschaft; jetzt noch verschärft durch die Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Beiträge dieses Buches geben auf 800 Seiten einen umfassenden und systematischen Überblick über den aktuellen Stand der Armutsforschung in Österreich und präsentieren neueste Erkenntnise zu Ursachen, Folgen und Bekämpfung von Armut.

mit den HerausgeberInnen:
DDr. Nikolaus Dimmel ... Universitätsprofessor am Fachbereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Juristischen Fakultät Salzburg.
Dr. Karin Heitzmann ... Assistenzprofessorin am Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien.
Mag. Martin Schenk ... Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitarbeiter der Armutskonferenz.

Der vorliegende Sammelband setzt sich zum Ziel, das vorhandene Wissen in systematischer Weise aufzubereiten sowie bestehende Wissenslücken zu den jeweiligen Themenbereichen zu schließen. 48 ExpertInnen haben an dem nunmehr vorliegenden Handbuch und Nachschlagewerk mitgeschrieben.
Die AutorInnen beschreiben Ursachen und Folgen der Armut, wobei sie zwischen Risken, Erscheinungs- und Bewältigungsformen differenzieren. Einen weiteren Themenschwerpunkt bilden die bestehenden Instrumente der Armutsbekämpfung in Form von Initiativen privater und öffentlicher Träger. Ausblicke auf die künftigen Herausforderungen der Sozialpolitik im europäischen Kontext schließen den Band ab.

Nikolaus Dimmel, Karin Heitzmann, Martin Schenk (2009): Handbuch Armut in Österreich, 780 Seiten, StudienVerlag. ISBN 978-3-7065-4482-5.
www.studienverlag .at
0512/ 395045

2) IN ARMUT AUFWACHSEN, Empirische Befunde zu Armutslagen von Kindern und Jugendlichen in Österreich, Universität Wien, Ursula Till-Tentschert und Irina Vana, Institut für Soziologie, Wien, März 2009

Zur Studie: http://www.kinderrechte.gv.at/home/upload/50%20thema/in_armut_-soziologiesem._2008.pdf
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